Avani: Eine neue Welt

Teil 1

1. Die Insel

3. August 658 n.B.



 Die Insel Avani lag friedlich vor den Augen der fünf Männer. Sie wussten nicht, dass das Eiland so genannt wurde. Vermutlich hätte es sie nicht interessiert.
Vor einigen Minuten waren sie mit ihrem Ruderboot vom Mutterschiff an Land gerudert. Vorfreude war in ihren Augen zu sehen. Nach monatelanger, beschwerlicher Schiffsfahrt waren sie angekommen. Und sie durften vor der restlichen Mannschaft das Land betreten.
Ihre Aufgabe war es zuerst, die unmittelbare Umgebung zu erkunden und nach Gefahrenquellen Ausschau zu halten.
    »Berend, du sorg dafür, dass das Ruderboot gut befestigt ist. Wir wissen schließlich nicht genau, wie stark hier die Flut sein wird«, wies einer der Männer den offensichtlich Jüngsten unter ihnen an. Eilig begab dieser sich an die Aufgabe.
Der Bursche sah nicht älter als siebzehn aus. Sein etwas längeres, hellbraunes Haar wurde vom Wind hin und her geblasen. Seine Kleidung war, ebenso wie die der Anderen etwas verschlissen.
 Der Ältere der Männer, Kemes Wolter zog ein Fernrohr aus der Tasche und begutachtete die Umgebung.
Zu seiner Linken und Rechten zog sich der Sandstrand hin, soweit das Auge nur reichte.
    »Die Landmasse ist größer als gedacht«, murmelte er. »Sehr gut.«
Aufgeregt sah der junge Berend auf Wolter.
Kemes Wolter war ein stattlicher Mann mit leicht ergrautem, dichtem und kurzem Haar. Sein Gesicht war faltig und braungebrannt, seine Augen verliehen ihm eine gewisse Würde. So empfand Berend es zumindest. Bei der Überfahrt konnte er jedenfalls schon allerlei von dem erfahrenen Haudegen lernen, unter dessen Führung er an einer besonderen Aufgabe teilhaben durfte.

 Mit dem Blick nach vorne gerichtet sah Kemes, dass der Strand langsam in felsigeres Gebiet überging, das nur spärlich bewachsen war. Nach etwa dreihundert Metern wurde die Vegetation immer dichter. Ebenso ordentliche Bäume waren zu sehen, wie er zufrieden feststellte.
Ja, für ihr Vorhaben wurden große Mengen Holz benötigt.
    »Nun gut, bevor wir alle anlanden lassen, suchen wir in Zweiertrupps die Gegend ab. Haltet nach Süßwasser Ausschau und nach essbaren Früchten. Berend, du wartest hier.«
Der Junge sah den Männern nach, fast ein wenig neidisch. Er war so neugierig auf diese Welt und wäre gerne beim ersten Erkunden dabei gewesen. Aber ihm war klar, dass er auf jeden Fall mit von der Partie wäre, wenn sie mit dem Auskundschaften der Insel so richtig loslegen würden.
Jetzt war es Priorität, festzustellen, ob die Mannschaft sicher anlanden könnte.

 Ungeduldig wartete Berend, wie ihm befohlen wurde. Sein Blick fiel auf das majestätische Schiff, das ihn und die Männer hierhergebracht hatte.
Nach etwa einer Stunde kamen die vier Erkunder zurück.
    »Berend, gib das Zeichen«, gab Wolter ihm den Befehl.
Der Junge zog den Pfahl mit dem Stoff aus dem Ruderboot und schwenkte ihn hin und her. Fast zeitgleich war zu sehen, wie auf dem Schiff ebenso ein Zeichen gegeben wurde.
 Schon nach kurzer Zeit ließ man die ersten Boote herab.
Alles war genauestens durchgeplant. Zuerst würde nur ein Teil der Männer an Land gebracht, etwa um die hundert, davon einige Soldaten, aber auch viele Holzfäller, Zimmermänner und andere Handwerksleute, die für die ersten Arbeiten wichtig waren.
Alle anderen Menschen an Bord sollten die erste Nacht in der neuen Heimat noch auf Schiff verbringen.

 Der Kapitän hatte alles bis ins Detail festgelegt.
Trotzdem marschierte er unruhig an Bord auf und ab. Die Insel schien groß zu sein, das war vortrefflich. Aber jetzt waren viele Fragen zu klären.
War der Boden fruchtbar? Gab es genießbare Früchte? Gab es Ureinwohner? Wenn ja, waren sie friedlich oder feindlich gesinnt?
Kapitän Woodley spürte die Last der Verantwortung auf seinen Schultern, empfand aber auch eine angenehme Erregung. Hier wartet eine große Welt darauf, von ihm entdeckt zu werden.
Sie würden erforschen, erschließen, bebauen, ja sie vielleicht die Grundlage für eine neue Nation legen. Eine Nation, die nicht die Beengtheit ihrer Heimat aufweisen würde.

 Doch zuvor gab es viele Herausforderungen zu meistern. Da die Nahrungsvorräte auf den Schiffen nur noch für zwei Wochen reichten und das Wasser höchstens für drei Tage, war es von entscheidender Bedeutung einmal für die grundlegenden Dinge zu sorgen.
 Dann waren Bäume zu fällen, um daraus erste Gebäude und Absperrungen zu errichten. Das Gemeinwesen musste organisiert werden und jeder sollte seine Aufgabe zugewiesen bekommen.
 Kemes Wolter würde dafür sorgen, dass die Umgebung ausgekundschaftet wird und Ressourcen entdeckt werden. Woodley war froh, einen solch erfahrenen Mann für seinen Trupp gewonnen zu haben. Wolter war schon bei unzähligen Missionen dabei und verstand enorm viel. Genau solche alten Haudegen brauchte er.
Allerdings hatte ihm dafür Wolter einiges abgerungen, doch das verstand der Kapitän durchaus. Ewig vermochte er seinen Job nicht auszuüben, da wollte er wohl endgültig ausgesorgt haben. Wäre die Siedlung erfolgreich, bekäme Wolter dafür das erste Warenhaus und Gasthaus. So war der Deal.
So wäre wenigstens eine gute Versorgung der Kolonie gewährleistet.

 Von Deck aus beobachtete Woodley, dass die ersten Beiboote am Strand ankamen. Die Belegschaft stieg aus. Erleichtert sah er, dass offensichtlich sofort ans Werk gegangen wurde. Für die Umsetzung der Logistik war Ken Steinmetz verantwortlich, ebenso ein hervorragender Mann, wie Woodley dachte.
Am ersten Tag hatten die Männer einen Steg, ein notdürftiges Lager und eine Umzäunung errichtet. Ein Großteil der restlichen Lebensmittel und Gebrauchsgüter wurde vom Schiff dorthin gebracht und eingelagert.

 Es waren nur noch etwa drei Stunden bis zum Sonnenuntergang.
Kemes Wolter pfiff alle seine Leute zusammen, die vorher woanders mitgeholfen hatten.
    »Männer, hier ist die Arbeit für heute im Wesentlichen erledigt. Wir brechen gleich auf. Umso eher wir einen Überblick über das Wesentliche haben, desto besser.«
Mit 2 Maultieren, etwas Proviant, Wasser, Bewaffnung und Werkzeug brachen die fünf Männer auf, um eine völlig neue Welt zu erkunden.
    »Freunde, das ist immer einer der schönsten Momente bei unserem Job. Der Beginn, wenn noch alles offen ist«, meinte Wolter bestens gelaunt.
Berend war es anzumerken, dass er die freudige Erregung mehr als nur teilte, denn den anderen drei, Jakob Hammerschmied, Gerdo Dünli und Sebastian Peck konnte man es nicht so klar ansehen.

    »Glauben sie, dass es Eingeborene gibt?«, fragte Berend seinen Vorgesetzten.
Wolter kniff die Augen zusammen, was sein Gesicht noch faltiger aussehen ließ.
    »Tja, Junge, das ist eine gute Frage. Jedoch unmöglich es dir zu beantworten. Ich war schon auf vielen Inseln, obwohl diese vermutlich die größte von allen bisher ist. Manche waren bewohnt, andere nicht.«
    »Ist es für uns gut, wenn es Eingeborene gibt, oder schlecht?«
Kemes Wolter schmunzelte.
  »Berend, das hätte Vorteile, aber ebenso Nachteile. Einerseits kann es die Dinge erschweren und Konflikte können entstehen, andererseits ergeben sich zusätzliche Möglichkeiten des Handelns. Unterm Strich habe ich an Missionen mehr verdient, wenn Eingeborene im Spiel waren, aber es war dadurch oft am heikelsten.«
    »Ich verstehe, Meister«, antwortete Berend nachdenklich.
    »Das bezweifle ich«, meinte Wolter und lächelte verschmitzt.
Der kleine Trupp marschierte vorerst den Strand entlang. Die verbleibende Zeit des Tageslichts würden sie sich in diese Richtung bewegen, um dann dort das Nachtlager aufzuschlagen.

 Sie waren etwa eineinhalb Stunden unterwegs, als sie auf eine Quelle stießen.
Erfreut begutachtete Kemes sie. Er trank einen kleinen Schluck zum Probieren.
    »Die ist ergiebig und das Wasser scheint hervorragend zu sein.«
  Alle anderen tranken ebenso und nickten freudig.
    »Gerdo und Sebastian. Ihr beide macht euch auf den Rückweg, zurück zur Basis. Berichtet Steinmetz von dieser Quelle. Das ist zu wichtig, um es hinauszuzögern. Übernachtet dann in der dort. Morgen fangt ihr dann an, ein Stückchen vom Basislager entfernt unser eigenes Lager zu errichten. Danach kehrt ihr zur Basis zurück. Dann werden wir schon wieder da sein, damit wir gemeinsam, die nächste Erkundung starten«, wies Kemes Wolter an.
    »In Ordnung, wir brechen gleich auf«, kam es von ihnen zurück.
    »So«, sagte Wolter zufrieden. »Wir drei Hübschen gehen noch ein Stückchen weiter, solange Licht ist. Wir haben schon einmal Wasser. Das ist ja schließlich mal ein guter Anfang.«

 Nach einiger Zeit beschloss er, etwas weiter Richtung Wald zu gehen, zu einem Felsen, der aus der Erde ragte.
    »Hm, da scheint es mir Eisen zu geben. Absolut nicht vorrangig, aber ich werde es notieren.«
    »So, ihr beiden, jetzt richten wir einmal das Lager her und dann ruhen wir uns aus.«
 
Einige Zeit später, saßen die Männer bei einem gemütlichen Lagerfeuer und unterhielten sich.
    »Jungs, was werdet ihr nach unserer Mission angehen? Möchtet ihr dann ins nächste Abenteuer, oder plant ihr, hier sesshaft zu werden?«
Jakob Hammerschmied lachte.
Er war ein regelrechter Bär, großgewachsen und massig. Dazu überhaupt nicht passend, hatte er ein gutmütiges Gesicht.
    »Ich weiß nicht recht, Kemes. Ich bin jetzt schon so lange mit dir unterwegs gewesen, dass ich mir gar nichts anderes mehr vorstellen kann. Aber wahrscheinlich wird es wirklich Zeit, sich niederzulassen.«
Wolter Kemes nickte nachdenklich.
    »Fällt mir auch schwer, aber für mich ist hier auf dieser Insel Endstation. Du kannst dir aber sicher sein, dass ich für dich weiterhin Verwendung habe. Wenn du das willst.«
    »Ich werde mir das überlegen, Boss«, murmelte der Riese.
    »Und du, Berend? Du bist noch jung und hast Potenzial, wenn du auch noch mächtig grün hinter den Ohren bist. Willst du nachher weiterziehen oder möchtest du dich niederlassen?«
    »Ich finde das, was wir hier machen sehr spannend, aber ich habe nur aus einem Grund angeheuert, weil ich mir in der neuen Welt eine Existenz aufbauen möchte. Zuerst ein Job, später vielleicht einmal eigenes Land«, antwortete Berend mit etwas verträumtem Blick.
  »Ah, so jemand bist du. Möchtest dann wohl heiraten und Kinder bekommen. Sehr schön. Das ist der Vorteil in einer neuen Welt. Selbst ein armer Schlucker ist in der Lage, wenn er fleißig und klug ist, sich hier ein kleines Paradies zu erschaffen«, meinte Kemes anerkennend.
»Jetzt sollten wir uns aber aufs Ohr hauen. Ich übernehme die erste Wache, Berend die zweite und Jakob die dritte.«